Süddeutsche Zeitung - Talstation Kunst

Seit dem Jahr 2008 zeigt die Aaart-Foundation in Kirchberg bei Kitzbühel anspruchsvolle Ausstellungen

Die Talstation des ehemaligen Sessellifts am Fuß des Gaisbergs in Kirchberg in Tirol hatte jahrelang zum Verkauf gestanden, doch niemand hatte sich für das Objekt am Ortsrand mit dem riesigen Parkplatz interessiert. Als die niederländischen Kunstsammler Mieke und Theo Jongen den Platz entdeckten, erkannten sie ihre Chance: Auf dem Gelände der Bergbahn ließ sich ein Haus errichten, in dem sie, auf ihrer Kunstsammlung aufbauend, ein Ausstellungszentrum und eine Verkaufsgalerie einrichten konnten. Mit der rustikalen Touristenarchitektur Tirols sollte das Haus im Einzugsgebiet des Millionärsrefugiums Kitzbühel aber nichts zu tun haben. Der Architekt Theo Jongen fand das Material für seinen Kunst-Bau bei einem Holzhändler in Holland: einheitlich zugesägte Balken tropischer Baumriesen aus Surinam die seit dem frühen 19. Jahrhundert in Hafenanlagen rund um die Ostsee eingebaut waren und irgendwann moderneren Anlagen weichen mussten. Aus diesen rohbelassenen Basralocus-Balken hat sich Jongen ein dreigeschossiges Haus mit mächtigem offenem Dachstuhl errichten lassen. Die freiliegenden Stützen und Tragbalken sind ohne Schrauben und Nägel ineinander verzahnt. So entstand ein statisches Gerüst von größter Natürlichkeit, in dem auf zwei Geschossen die „Aaart Foundation“ eingerichtet ist, eine Galerie von 700 Quadratmetern, die von außen viel natürliches Licht erhält. Hier haben die Jongens seit August 2008 in drei großen Ausstellungen fünfzehn Künstler aus elf Ländern präsentiert.

Derzeit treffen drei Künstler sehr unterschiedlichen Ausdruckswollens aufeinander. Der niederländische Bildhauer Jo Peters hat sich auf ein Genre konzentriert, das seit langem als tot gilt. Aus farbigem, granithartem Gestein meißelt er stilisierte Tierskulpturen von hoher physischer Präsenz und archaischer Wucht. Wie in prähistorischen Tierbildnissen ist der spezifische Bewegungs- oder Ruheausdruck einer Spezies im Wechsel von glatten und rauen Partien suggestiv erfasst, zu einer kompakten Form geballt.
Der Wiener Maler Wolfgang Stracke ist ein Meister des spontanen Zugriffs. Egal ob er durch Europa reist und unterwegs in Minutenschnelle – quasi bei laufendem Motor – am Straßenrand Landschaften oder Gebäudegruppen skizziert, oder ob er in den Garderoben und Proberäumen von Theatern beiläufige Geschehnisse und Stimmungen einfängt, stets gelingt es ihm, dem flüchtigen Naturabbild einen individuellen Ausdruck zu verleihen, ohne sich in expressionistische Manierismen zu versteigen.

In eine ganz andere, partienweise irritierend düstere Welt führt einen der Marokkaner Mahi Binebine (geboren 1959), der inzwischen auch als Autor von Kriminalromanen weltweit Erfolgt hat. Als Maler hat Binebine mit selbstgefertigtem Material – Bienenwachs und Pigmenten – einen Menschenkosmos von rätselhafter Vieldeutigkeit geschaffen. In den farblich auf nur wenige Töne beschränkten Bildern sind männliche Umrissfiguren in existenziell berückenden Posen ins Bildgeviert gepfercht oder in seltsamen Abhängigkeiten einander zugeordnet. Auf einigen Bildern hat der Maler die Figuren so ineinander verstrickt, dass nur noch dünne Umrisslinien die Leiblichkeiten in der fleischlichen Gesamtmasse kenntlich machen. Wenn man weiß, dass ein Bruder des Malers in einem marokkanischen Gefängnis 24 Jahre lang in einem lichtlosen Käfig eingesperrt war, bekommen die kühl komponierten Bilder eine emotionale Tiefe, die betroffen macht.
Für Reisende, die auf dem Weg zu den Kitzbühler Skiliften durch Kirchberg kommen, könnte die Aaart Foundation also eine lohnende, belebende Abwechslung sein.

Gottfried Knapp/Süddeutsche Zeitung

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